Mittwoch, 26. März 2014

3. Etappe - Geburtstag in Südafrika




Nach einer erholsamen Nacht geht es heute Morgen auf die längste Etappe. Es stehen uns 134 Kilometer und knapp 2000 Höhenmeter in vergleichsweise einfachem Gelände bevor. Der angekündigte Regen über Nacht ist ausgeblieben. Es sollte also ein Kinderspiel werden – jedenfalls im Vergleich zu gestern.
Wir starten heute sehr verhalten und reihen uns nach dem ersten Flachstück irgendwo jenseits der ersten 100 Teams ein. Es ist lange her, dass ich so in ein Rennen gestartet bin. Wenn die Jungs hier hinten in den Ebenen genauso drücken würden wie bergauf, dann hätten einige Leute weiter vorne nichts mehr zu lachen. Tun sie aber eben nicht.
Nach der Startphase folgen viele hügelige Kilometer auf ungewohnt breiten Schotterwegen. Dadurch kann ich Immanuel bergab und in der Ebene wunderbar in den Windschatten nehmen und bergauf schieben. Auf diese Weise sprengen wir Gruppe um Gruppe. Meinem Bruder scheint es heute gut zu gehen. Die Betonung liegt auf scheint, wie wir bald merken werden. Zwischen der zweiten und der dritten Verpflegung sind wir ca. bis auf Platz 30 vorgefahren. Ungefähr 30 Kilometer vor dem Schluss kommt bei Immanuel aus heiterem Himmel der Mann mit dem Hammer. Jetzt geht es andersrum. Alle die wir vorher überholt haben, überholen uns wieder.
So langsam kriege ich ein schlechtes Gewissen. Der vierte Tag und bei Immanuel gehen zum vierten Mal die Lichter aus. Böse Zungen werden sagen, dass ich meinen jüngeren Bruder hier kaputt fahre. Das will ich natürlich nicht. Das Problem ist, dass es mir unglaublich schwer fällt einzuschätzen, was für Immanuel das richtige Tempo ist. Es ist der typische Effekt von Etappenrennen im Team. Wenn einer von beiden am ersten Tag nur etwas stärker ist, ist er am nächsten Tag besser erholt. So wird der Leistungsunterschied zwischen den Teampartnern von Tag zu Tag größer (Ausnahmen bestätigen die Regel; erfahrungsgemäß ist dabei aber auch oft ein guter Apotheker im Spiel …). Das zu vermeiden ist die große Kunst. Im Grunde geht es nur, wenn genügend Möglichkeiten zum Windschatten fahren und zum Schieben vorhanden sind. So wie heute. Jetzt ist es allerdings zu spät dafür. Morgen müssen wir es noch langsamer angehen. Wir werden das richtige Tempo schon noch finden. Aber es ist ganz offensichtlich ein langwieriger Lernprozess.


An der letzten Verpflegung halten wir etwas länger an um zu Essen. Unglaublich, es gibt hier Toast mit Marmite. Ich zähle zu dem einen Prozent Deutschen, die das Zeug mögen. Die letzte Verpflegung ist daher ein kleines Highlight für mich. Vor dem letzten Berg überrede ich Immanuel noch einmal zu einer Pause. Danach geht es bei ihm wieder etwas besser und wir kommen noch bis ins Ziel.
Die Platzierung? Keine Ahnung; sicher irgendwas um die 100 oder darüber. Das Internet hier ist so schlecht, dass ich froh bin, wenn ich den Blog-Text durch die Leitung bekomme. Die einzige Chance dazu ist meistens abends. Dann schlafen viele schon und der Traffic ist entsprechend gering. Irgendwo hängen sicher auch Ergebnisse. Aber ich sitze gerade so gut hier … und so wichtig ist unsere Platzierung dann doch nicht. Das Hauptziel heißt am Sonntag in Lourensford anzukommen.
Die morgige Etappe? Auch keine Ahnung. Der Plan liegt im Zelt. Aber ich sitze gerade so gut hier … und so wichtig ist es auch nicht. Wenn wir in Lourensford ankommen wollen, müssen wir so oder so die Distanz bewältigen.
Die kommende Nacht? Der Veranstalter hat mir ein Kärtchen in den Startbeutel getan. Ich darf heute eine Flasche Wein am Rennbüro abholen. Aber ich glaube, wir schlafen auch so ganz gut ein. Wobei - diese Nacht könnte uns der Wind einen Strich durch die Rechnung machen. Die Zelte biegen sich schon bedrohlich im Wind und gerade eben kamen ein paar Matrazen vor meiner Nase vorbeigeflogen …


Dienstag, 25. März 2014

2. Etappe - Schlimmer geht’s immer



Eins vorweg: Wir sind noch im Rennen. Aber der Reihe nach.
Gegen Mitternacht wecke ich auf, weil das Zelt zur Tropfsteinhöhle geworden ist. Ich hatte das schon gestern befürchtet. Warum besteht dieses dämliche Ding hier aus Innen- und Außenzelt, wenn sich doch beide überall berühren? Jedes Mal wenn ich fast wieder eingeschlafen bin, tropft es mir wieder ins Gesicht. Irgendwo habe ich mal von einer Foltermethode gehört, bei der dem zu Folternden in kontinuierlichen Abständen Wasser auf den Kopf tropft. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis einen das in den Wahnsinn treibt. Als gegen zwei Uhr noch Windböen dazukommen gibt es Regenschauer im Zelt. Da ich mittlerweile sowieso ein Dixie brauche, entscheide ich mich raus zu wagen. Nur mit Unterhose und Kopflampe bekleide renne ich um den halben Zeltplatz. Ganz sicher ein Bild für die Götter, aber jetzt sieht das zum Glück keiner. Als ich nach einem nicht weiter erwähnenswerten Zwischenfall zurück am Zelt bin, versuche ich den Zeltaufbau zu optimieren. Nach wie vor in Unterhose und mit Kopflampe, versteht sich. Das Unterfangen stellt sich als aussichtslos heraus. Vier Ecken, vier Heringe – klar, dass die Außenhülle nicht straff zu bekommen ist. Ich kann mich also nur darauf beschränken, den Schaden in Grenzen zu halten. Mit Handtuch bewaffnet wird das Zelt (soweit wie möglich) vorübergehend trocken gelegt. Was für eine kluge Idee, hier den Daunenschlafsack mitzuhaben. Der reagiert ja ganz besonders gut auf Nässe. Ich schlafe noch einmal ein. Als ich gegen vier Uhr wieder aufwecke liege ich mehr oder weniger im Wasser – dumm gelaufen. Nach einem weiteren Trockenlegungseinsatz kann ich immerhin noch eine halbe Stunde bis zum Weckerklingen 4:45 Uhr weiterschlafen. Zum Glück ergeht es meinem Bruder etwas besser und er kann halbwegs Schlafen. Aber auch ich muss zufrieden sein mit der Nacht, denn: Schlimmer geht’s immer. Das Zelt diagonal gegenüber von uns ist zum Beispiel halb zusammengeklappt. Und dabei war das noch gar kein allzu schlimmes Unwetter.
Um 7 Uhr fällt der Startschuss für uns – nach wie vor bei Regen. Die ersten Kilometer im Pulk geht es durch viele tiefe Pfützen. Eine allerübelste Sauerei ist das heute. Leider wird Immanuel im dichten Gedränge in einen Fast-Sturz verwickelt und verliert den Anschluss zu mir, was ich wiederum nicht mitbekomme (sich Umzudrehen würde bei diesen Bedingungen auch ein unkalkulierbares Risiko bedeuten). Beim Versuch wieder heranzukommen, muss er auch heute wieder gleich zu Beginn in den roten Bereich. Wir befinden uns bei der ersten Verpflegung ca. auf Position 30. Ich fühle mich gut, aber nach 1,5 Stunden kommt bei Immanuel wieder der Mann mit dem Hammer kombiniert mit den Rückenproblemen von gestern. Wir fahren kontinuierlich weiter und versuchen den Schaden in Grenzen zu halten. Trotzdem geht Platz um Platz flöten. Auf den vielen Trails kann ich meinen Bruder auch kaum unterstützen. Zu allem Überfluss spielt die Technik an seinem Rad bald nicht mehr mit. Die Kurbel wird locker. Die hintere Bremse hat einen Kolbenklemmer und ein Bremsbelag ist schon nach reichlich der Hälfte bis aufs Metall durchgeschliffen. Ständig wird Immanuel von Kettenklemmern geplagt. Zweimal müssen wir den Umwerfer demontieren, um das Rad wieder lauffähig zu bekommen. Unser Ziel lautet nur noch Ankommen. Knapp 30 Kilometer vor dem Ziel tauschen wir unsere Räder. So hat Immanuel wenigstens ein halbwegs funktionsfähiges Rad, was es ihm etwas einfacher macht. Irgendwann sind wir tatsächlich im Ziel. Das Ergebnis (wir sind 106. auf der Etappe geworden und jetzt 59. im Gesamtklassement) ist uns völlig egal – Hauptsache durchgekommen.

Zieleinfahrt

Sebastian im Ziel

Immanuel ebenfalls


 Und: Schlimmer geht’s immer. Andere hat es heute noch viel heftiger erwischt. Manche sind gar nicht angekommen. Und jetzt scheint sogar noch die Sonne. Das ist auch dringend nötig, um die in der Nacht nass gewordenen Sachen zu trocknen.
Den Rest des Tages verbringen wir mit Wundenlecken. Nach der Reinigung von uns selbst geht es an die Instandsetzung der Räder. Von den Bremsbelägen ist bei keinem von uns beiden mehr viel übrig (und da fahren wir schon die haltbare Variante). Die Schaltzüge inklusive Außenhüllen können wir auch gleich komplett austauschen. Immanuels rechter Schalthebel hat eine derartige Schlammpackung, dass wir ihn komplett auseinandernehmen müssen. Bei den Federgabeln rührt sich auch nicht mehr viel, aber das muss jetzt für den Rest des Rennens so gehen. Das Problem ist der extrem feine Staub überall. Mit Nässe kombiniert gelangt dieser überall hin.
Gerade eben fängt es wieder an mit regnen … mal sehen, was die Nacht und der morgige Tag so bringen.

Montag, 24. März 2014

1. Etappe - Es geht richtig los



 Heute fängt es pünktlich 5:30 Uhr an zu regnen – wie vorhergesagt. Das ist aber nur schlimm in Bezug auf die Wäsche, denn bei 20° C ist der Regen eine Wohltat. Bei Sonnenschein wären hier im Landesinneren sicher um die 40° C. Selbst nach diesem Winter sind wir das definitiv nicht gewöhnt.
Nach dem Frühstück geht es um 7 Uhr los. Wir haben geschätzt 120 Teams vor uns und die ersten 20 Kilometer sind überwiegend flach. Im Gelände ist das nicht ganz ungefährlich. An einer Stelle springt vor uns irgendein katzenartiges Tier in den sich mit Tempo 40 fortbewegenden Pulk und attackiert einige Fahrer. Glücklicherweise gibt es keinen Sturz und das Tier springt direkt vor mir wieder in den Seitengraben (es hat sicher meinen Schweiß gerochen …).
Heute merke gleich von Anfang an, dass mein Bruder hoch motiviert ist – zu motiviert für meinen Geschmack. In Anbetracht des weiteren Streckenverlaufs mit 113 Kilometern und des vernachlässigbaren Rests von sechs Etappen versuche ich ihn die erste Rennstunde zu bremsen. Mir gelingt das leider nicht so ganz. Ein sicheres Zeichen, dass ich schon zu den alten Säcken zähle – denn auf die hören die Jungspunde ja nicht. Da ist nichts zu machen.
Nach dem gestrigen Prolog ist mir eigentlich klar, dass das Tempo hier nur ins Auge gehen kann. Am Ende des Flachstücks sind wir mitten drin in der Spitzengruppe unter den ersten 20 Teams. Am ersten Schiebestück bekommt Immanuel Probleme und wir müssen abreißen lassen, befinden uns aber immer noch in hervorragender Position. Als es das erste Mal richtig ruppig wird, haben reihenweise Top-Teams Defekte und stehen am Rand. Zum Glück kommen wir unbeschadet durch. In irgendeinen Trail stechen Nino Schurter und Philip Buys kurz vor uns rein. Letztgenannter und wir kriegen eine kleine Fahrtechniklehrstunde. Für manche Leute scheint eine andere Physik zu gelten. Wie ich es befürchtet hatte, baut mein Bruder nun langsam aber sicher ab. Einige Teams überholen uns; alles bekannte Profi-Fahrer. Sie sind nicht einmal viel schneller als wir, was etwas Mut macht. Leider geht es bei Immanuel immer weiter bergab und er klagt über Rückenschmerzen. Die Trails sind extrem ausgewaschen und ruppig. Bald ist der Rennschalter bei ihm ganz aus. Mir ist ziemlich klar, dass das heute noch interessant wird. Ich habe einen guten Tag erwischt und versuche Immanuel zu schieben wo es geht. Dennoch kassieren uns immer wieder Teams. Zwischen Kilometer 40 und 80 fahren wir praktisch im Tourentempo. Das ist sogar objektiv so, was mit Immanuels Leistungsmesser leicht festzustellen ist. Zum Glück sorgen immer mal wieder ein paar schöne Trails für Abwechslung und das Bergpanorama ist auch nicht von schlechten Eltern. Es gibt durchaus noch Teams, denen es schlechter geht als uns. Irgendwo sammeln wir Bart „die Lunge“ Brentjens auf. Seinem Teampartner Abraao Azevedo hat es ganz offensichtlich alle Lichter ausgeknipst. Nach dem letzten langen Berg bei Kilometer 80 wird es relativ flach. Bei Immanuel scheint es langsam wieder besser zu gehen. In den ebenen Abschnitten kann ich ihm Windschatten geben und wir rollen wieder an ein anderes Team heran. Mit diesem fahren wir bis kurz vor Schluss zusammen. Nach ziemlich genau fünfeinhalb Stunden haben wir es geschafft. Gesamtplatz 32 mit ca. 50 Minuten Rückstand auf die Etappensieger ist überraschend gut für unseren Rennverlauf. Auch zeigt es, wie hart die Etappe heute selbst für die Profis war. Wobei, eigentlich hat man das schon beim Blick in die Gesichter im Ziel gesehen. Morgen soll es etwas einfacher werden und wir haben den Vorteil aus dem ersten Startblock starten zu können. Hoffentlich lässt sich Immanuel überreden, das Ganze etwas lockerer anzugehen. Ich bin mir sicher, dass sich das heutige Etappenresultat mit deutlich weniger Leiden hätte erreichen lassen, wenn wir gleichmäßiger unterwegs gewesen wären. Aber hätte, wäre, wenn nützt jetzt nichts mehr. Vorerst zählt nur, sich zu erholen. Die Beine sind dabei das geringste Problem. Viel entscheidender ist der Oberkörper, der auf Etappen wie der heutigen extrem gefordert wird.

Zieleinfahrt nach 103 km



Sonntag, 23. März 2014

Prolog - Wir haben Spaß

Heute Morgen müssen wir zeitig raus – 05:30 Uhr klingelt der Wecker, denn wir haben noch eine längere Anreise zum Startort vor uns. Es klappt alles überraschend reibungslos und so können wir uns in aller Ruhe auf den Start des Prologs über 24 km vorbereiten. Die rund 600 Teams starten in 25-Sekunden-Abständen. Ab 9:04:10 Uhr sind wir mittendrin. Bereits nach kürzester Zeit fangen wir an, die vor uns gestarteten Teams aufzusammeln. Auf den sehr schmalen Trails ist Überholen meist sehr schwierig bzw. ein ziemliches Prozedere. Am ersten Anstieg, dem „Stairway to heaven“ kommen wir aber halbwegs voran und lernen dabei, dass wir „Rennschlangen“ (racing snakes) sind. Oben angekommen stürzen wir uns in die erste Abfahrt. Der Temporausch ist aber recht schnell dahin als wir auf ein anderes Team auflaufen. Überholen ist unmöglich und so müssen wir den Rest des Downhills fluchend an den Bremshebeln klemmend verbringen. Nachdem wir im darauffolgenden Anstieg noch einmal einige Teams überholen, ziehen wir in der anschließenden Abfahrt die endgültige Parkkarte. Ein Mixed-Team zieht vor uns seine Kreise. Die nicht gerade schlanke Dame taumelt im Schritttempo um die Ideallinie zwischen linkem und rechtem Rand des Trails herum. Der Begriff „Streubombe“ bekommt hier eine neue Bedeutung für mich. Das Ganze artet in eine Geduldsprobe aus. So schnell läuft die Metamorphose von der Rennschlange zur Rennschnecke („racing snail“) ab. Wir haben uns vor dem Rennen eingeredet, dass uns die Platzierung egal ist und es nur um den Spaß geht (wie schon einmal erwähnt, sind wir ja auch in unglaublich schlechter Verfassung …). Jeder der uns etwas näher kennt, weiß aber, dass es einen nicht deinstallierbaren Rennschalter bei uns gibt. Beim Training beteilige ich mich schon seit Jahren nicht mehr an Ortsschildsprints oder dergleichen. Mir ist es auch egal, wenn mich dabei ein Trekkingradler überholt. Aber wenn der Startschuss gefallen ist, sieht es anders aus. Dann gibt es nur noch „volle Kraft voraus“. Und genau das ist jetzt gerade nicht möglich. Trailspaß mag auch nicht so recht aufkommen. Das hier ist in etwa so, wie ich mir eine Fahrt im Schritttempo mit einem Ferrari auf der Rennstrecke vorstelle. Fest steht: Die Trails sind genial – wären nur nicht so viele Leute darauf unterwegs. Aber zurück zum Problem: Irgendwann gelingt es mir doch, durch eine scharfe 180°-Kehre innen hindurch zu überholen. Den Mann des Mixed-Teams schnappe ich mir gleich auch noch. Es fehlt nur eins: Mein Bruder Immanuel. Ich muss eine Weile warten, bis er wieder da ist. Mir ist schon beim Anblick des blutigen Armes klar, dass es ihn beim Überholversuch erwischt hat. Von nun an scheint bei ihm der Rennschalter ausgeknipst zu sein. Das ist aber auch egal, da wir nun auf eine große Gruppe von Fahrern auflaufen, die ohnehin nicht zu überholen ist. Nachdem wir es später doch irgendwie geschafft haben, wartet schon die nächste Geduldsprobe auf uns. Dann endlich haben wir freie Fahrt. In den Zieltrail sticht Immanuel hinein, wie ich es bisher noch nicht von ihm gesehen habe. Wir haben Glück und laufen auf keine weiteren Teams auf. Ein Anlieger jagt den nächsten und wir haben nun endlich den gewünschten Spaß. Die letzten Kilometer im Flachen geben wir noch einmal richtig Gas und erreichen in knapp 1:16 Stunden das Ziel auf Gesamtplatz 69. Der Rückstand auf die Sieger beträgt zwar über eine Viertelstunde, aber in Anbetracht der Tatsache, dass die Profi-Teams am Ende praktisch ungehindert fahren konnten, ist das gar nicht mal so schlecht.
Nach dem Rennen geht es mit der Afrikanern eigenen „Zügigkeit“ mit dem Bus ins nächste Camp. Ab jetzt schlafen wir im Zelt. Morgen müssen wir allerdings noch früher raus, da um 7 Uhr schon der Startschuss über die 108 Kilometer lange Strecke fällt. Dann beginnt das eigentliche Rennen – voraussichtlich bei Regen … 


Samstag, 22. März 2014

Passierschein A38



Dienstagmittag ging es gemeinsam mit unseren Eltern, die uns begleiten, in Richtung Frankfurt/Main los. Nach nur zwei kleineren, nicht weiter erwähnenswerten Zwischenfällen wurde der Flughafen unplanmäßig zeitig erreicht. Folgerichtig stellte sich die Frage, was man mit der vielen Zeit tun sollte. Dennoch versuchten wir zeitig mit dem Eincheck-Prozess zu beginnen. Leider scheiterte der Versuch am Automaten einzuchecken hoffnungslos. Beim entscheidenden Schritt fehlte der Pass der Mutter. Diese hatte ihn in Erwartung unangekündigter Passkontrollen auf die Toilette mitgenommen und erschien erst pünktlich nach dem Timeout des Geräts wieder. Alle weiteren Versuche verweigerte der Automat hartnäckig. Der Mann am richtigen Check-in erklärte uns später, dass man sich köstlich über uns amüsiert habe, da der Automat einem nur genau einen Versuch lässt. Zum Glück gibt es Ossis, sonst hätten die nix zu Lachen auf dem Flughafen … aber denen würde das Lachen heute schon noch vergehen.
Da ich es als günstig erachtete, CO2-Kartuschen für etwaige Reifenschäden mitzunehmen, hatte ich mich umgehend über die Modalitäten von deren Mitnahme im Flugzeug informiert. Nach den entsprechenden Richtlinien sind zwei in Schwimmwesten eingeschraubte Kartuschen sowie zwei Ersatzkartuschen für einen nicht näher spezifizierten Einsatzzweck erlaubt – auch im Handgepäck. An dieser Stelle muss man sich wundern. Ein Messer mit einer Klinge unter 7 cm ist erlaubt, genauso wie Kartuschen mit unklarem Inhalt. Bei einem Korkenzieher am Taschenmesser hört allerdings der Spaß auf, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Aber sei’s drum: Erlaubt ist erlaubt. Das einzig dafür Notwendige ist die Erlaubnis der Fluggesellschaft. Meine E-Mail-Anfragen und telefonischen Versuche wurden im Vorfeld gekonnt von der Fluggesellschaft ignoriert, weshalb der Mann am Check-in-Schalter konsultiert wurde. Dieser gab grünes Licht; eine weitere schriftliche Bestätigung sei nicht erforderlich. Voller Optimismus wurden die acht Kartuschen auf uns vier aufgeteilt. An der Sicherheitskontrolle ordneten sich Immanuel und meine Mutter links ein; mein Vater und ich rechts. Wir sahen praktisch sofort, dass sich eine Traube von Sicherheitsleuten um unsere Rucksäcke bildete. Bei den anderen beiden war die Situation nicht anders. Nach längerer Beratung wies man uns an, den Rucksack zu öffnen und die Kartuschen vorzuzeigen. Nach Benennung des Einsatzzweckes waren wir schon mal mit vier Kartuschen durch. So einfach ist das also. Denkste! Auf der anderen Seite wurde die Menschentraube größer. Ich gesellte mich unauffällig dazu um die Lage zu peilen. Eine Aussage jagte die nächste. „Eine Kartusche in der Schwimmweste ist zulässig“, „Eine Kartusche in der Schwimmweste und eine Reservekartusche sind zulässig“, „Vier Kartuschen ohne weitere Einschränkungen sind zulässig“, „Reservekartuschen sind nur zulässig, wenn schon Kartuschen in Schwimmwesten eingeschraubt sind“, „Kartuschen sind gar nicht zulässig“, „Kartuschen gehen nur im Aufgabegepäck“, usw. und sofort. Offensichtlich kannte man sich ganz hervorragend im eigenen Regelwerk aus, welches ich in weiser Voraussicht sogar in gedruckter Form mitgenommen hatte. Man entschied dennoch, den „Chef“ zu holen. Dieser zeigte Verständnis für unsere Situation; bestätigte die von mir recherchierte Regelung; ließ uns aber trotzdem nicht passieren, da er einen Stempel mit Genehmigung der Fluggesellschaft brauchen würde. Also wurde Immanuel mit dem Auftrag diese Genehmigung einzuholen zurück zum Check-in-Schalter geschickt. Dort eröffnete man ihm, dass man keinen Stempel habe. Man gab ihm den Hinweis, dass die Kartuschen im Aufgabegepäck kein Problem wären. Man würde dieses auch kostenfrei einchecken. Also passierte er nun zum zweiten Mal die Sicherheitskontrolle um eine Tasche zu holen (davon hatten wir genug). Das Sicherheitspersonal gab uns allerdings zu verstehen, dass man die Kartuschen auch aus dem Aufgabegepäck entfernen würde. Auch werde man Beschwerde über das inkompetente Personal am Check-In-Schalter unserer Airline einlegen. Um dem Ganzen ein Ende zu bereiten, ließen wir uns die vier konfiszierten Kartuschen wieder geben um sie zurück ins Auto zu bringen. Dorthin machten sich Immanuel und ich nun auf den Weg. Wir wollten es allerdings noch einmal am Check-In-Schalter probieren. Der Mann dort verkündete sofort, dass er Beschwerde über das inkompetente Personal an der Sicherheitskontrolle einlegen werde. Außerdem meinte er, dass dieses wohl am Vortag ausgetauscht worden sei. Er holte seine „Chefin“. Diese informierte uns, dass angeblich seit Montag (ich hatte die entsprechenden Dokumente am Sonntag ausgedruckt) eine neue Richtlinie aktuell sei, nachdem Kartuschen nun nur noch im Aufgabegepäck zulässig seien. Dennoch drückte sie uns irgendeinen Stempel (dieser enthielt nicht einmal den Namen der Fluggesellschaft) auf ein weißes Blatt Papier und kritzelte irgendetwas Unleserliches dazu. Voller Optimismus begaben wir uns erneut zur Sicherheitskontrolle. Bereits beim Vorzeigen des Boardingpasses wurde Immanuel eingehend befragt, da er sich ja nun schon zum dritten Mal hier befand. An der Sicherheitskontrolle genügte dann ein „Wir sind die mit den Kartuschen“ und man wusste bescheid. Man schaute sich unser Dokument an und erklärte unseren persönlichen „Passierschein A38“ (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=lIiUR2gV0xk ) für gültig. Entgegen der landläufigen Meinung ist es also möglich, Kartuschen im Flugzeug zu transportieren. Man sollte aber etwas eher am Flughafen erscheinen, was wir ja außerplanmäßig getan hatten. Nach der Aktion gingen wir quasi direkt zum Boarding über. Man hatte uns selbstverständlich die Passierscheine 44A, 44C, 44D und 44E ausgestellt, was einen sehr kurzweiligen Platz an den hinteren Toiletten bedeutete. Weiter Zwischenfälle hielten sich vorübergehend in Grenzen.

Nach der Landung am nächsten Morgen, wurde der Mietwagen in Empfang genommen. Zwei Mann und die Radkisten passten auf den Millimeter genau hinein. So machten sich mein Vater und ich auf den Weg ins reichlich 50 Kilometer entfernte mutmaßliche Quartier, während der Rest am Flughafen zurückgelassen wurde. Richtungswechsel nach links deutete ich dabei stets durch Scheibenwischen auf höchster Stufe an, während einmaliges Wischen einen Richtungswechsel nach rechts bedeutete – ein Hoch auf den Linksverkehr! Am Quartier angekommen wusste niemand von uns. Man musste wieder den Chef rufen, der nach 15 Minuten kam und auch gleich Bescheid wusste: „The bad news: Due to a failure in the booking system, I have no accomodation for you. The good news: I have organized alternative accommodations.“ Das erste Mal in seinem Leben (und auch das erste Mal in meinem Leben) war eine Buchung über booking.com schief gegangen. Er versicherte uns glaubhaft erst zwei Tage vor unserer Ankunft über unsere Buchung (die wir ja vom System bestätigt bekommen hatten) informiert worden zu sein. Seine Frau wäre am Tag davor kurz vor dem Nervenzusammenbruch gewesen. Eigentlich wären wir vier Tage bei ihm in der Lodge gewesen. Daraus wurden jetzt je zwei Tage in zwei verschiedenen Unterkünften (mit stark unterschiedlicher Qualität, wie wir mittlerweile wissen). Zurück am Flughafen drehten wir 20 Minuten lang Ehrenrunden um den verabredeten Treffpunkt (BP-Tankstelle), da sich uns der Zufahrtsweg nicht erschloss. Aber schließlich lösten wir auch dieses Problem.

Heute holten wir völlig zwischenfallsfrei unsere Startunterlagen ab und morgen geht’s dann mit dem Prolog los … hoffentlich zwischenfallsfrei ;)